Makro
15 Min. zu lesen 9 Juli 26
Zu Beginn der zweiten Jahreshälfte 2026 sind die Tendenzen an den Finanzmärkten gegenläufig: Aktien haben ihren Kursaufschwung dank sehr guter Gewinnentwicklung der Unternehmen und hervorragender Wachstumsaussichten im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) fortgesetzt. Dagegen ist die Stimmung an den Anleihenmärkten angesichts gestiegener Inflationserwartungen und sich verschlechternder Haushaltslage vorsichtiger geworden.
Gemeinsam ist beiden Marktsegmenten jedoch eine zunehmende Streuung; dabei spiegeln die Bewertungen nicht immer die Realität wider. Daher wird in den kommenden Monaten eine korrekte Risikobewertung entscheidend sein, um Chancen nutzen zu können und Fallstricke zu vermeiden. Vor diesem Hintergrund halten wir es jetzt mehr denn je für angebracht, einen aktiven, wertbasierten Investmentansatz zu verfolgen.
Fabiana Fideli
CIO Equities, Multi Asset and Sustainability
Das gegenwärtige Marktumfeld ist eines der komplexesten, die Fabiana Fedeli seit langem erlebt hat. Es ist geprägt von extremen Kursschwankungen bei Aktien und scheinbar unterschiedlichen, oft widersprüchlichen Faktoren, die das Geschehen in den unterschiedlichen Assetklassen bestimmen. Aktien haben sich seit Jahresbeginn trotz gestiegener Energiepreise sehr gut entwickelt und Anleihen geschlagen. Doch die Kurszuwächse haben sich vor allem auf das Thema KI konzentriert.
Der bisherige Jahresverlauf war von ungewöhnlichen Kursausschlägen an den Aktienmärkten geprägt. Insbesondere Aktien mit KI-Bezug wiesen extreme Kursbewegungen auf. „In einigen Bereichen haben Aktien überhöhte Bewertungen erreicht, während es in anderen Bereichen zu Kursrückgängen kam, die wir für nicht gerechtfertigt halten“, sagt Fedeli.
Die Zweiteilung zwischen vermeintlichen KI-Gewinnern einerseits und KI-Verlierern andererseits eröffnet aktiven Anlegern erhebliche Chancen, um ihr Engagement innerhalb des branchenübergreifend wirksamen KI-Themas umzuschichten. Fedeli verweist auf attraktive Chancen unter Software- und Dienstleistungsfirmen, deren Aktien im laufenden Jahr aufgrund von Bedenken hinsichtlich möglicher Auswirkungen von KI auf ihre Geschäftsmodelle unter Druck geraten sind. Zwar werden einige davon zu den Verlierern gehören, aber einige dürften es schaffen, KI-Agenten erfolgreich in ihre Plattformen zu integrieren, anstatt von ihnen ersetzt zu werden.
Die jüngste Berichtssaison lieferte robuste Ergebnisse, jedoch könnten bis 2027 anhaltend höhere Energiepreise die globale Nachfrage belasten. Fedeli merkt an, dass dieses Risiko an den Aktienmärkten noch nicht vollständig in den Kursen berücksichtigt sei, und warnt vor übertriebenem Optimismus. Anstatt sich jedoch zu defensiv zu positionieren, solle man bei Investitionen selektiv vorgehen und die Widerstandsfähigkeit der Unternehmen gegenüber höheren Energiepreisen und einem möglichen Nachfragerückgang berücksichtigen.
Trotz der bestehenden Risiken und Herausforderungen hält Fedeli den Zeitpunkt für günstig, um jetzt als aktiver Investor tätig zu werden, da Kursverwerfungen für Chancen auf Ebene einzelner Unternehmen sorgen. Sie kommentiert:
In dem Zusammenhang hebt sie mehrere strukturelle Themen hervor, darunter Infrastruktur, CO2-arme Wirtschaft und KI-gestützte Innovationen. Diese profitieren derzeit von Kapitalzuflüssen und werden ihrer Erwartung nach auch künftig Investitionen anziehen.
Fedeli fasst zusammen: „Ganz gleich, wie die neuen Spielregeln aussehen – um in diesem Umfeld Alpha zu erzielen, muss man bewährte Investmentprozesse beibehalten und sich an Veränderungen anpassen, die aus unserer Sicht struktureller Natur sind.“ Von entscheidender Bedeutung bleibt laut Fedeli dabei, „die Wachstumstreiber und Exposures der Unternehmen, in die wir investieren, vollständig zu verstehen“.
Andrew Chorlton
CIO Fixed Income
Dank positiver realer (inflationsbereinigter) Renditen könnten Anleihen nach Einschätzung von Andrew Chorlton wieder eine Rolle als Quelle von Wertzuwächsen und Renditen in Portfolios spielen. Seiner Ansicht nach stellt dies eine bedeutende Abkehr von dem Jahrzehnt extrem niedriger Zinsen nach der Finanzkrise dar, was den positiven Ausblick für Anleihen für die zweite Jahreshälfte untermauert.
Allerdings dürfte die Inflation die zentrale Herausforderung bleiben. Der durch den Konflikt im Nahen Osten bedingte Anstieg der Energiepreise stellt die Zentralbanker vor ein Problem: Eine zu frühe Zinssenkung birgt das Risiko, die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik zu untergraben, doch die noch frische Erinnerung an den Inflationsschub im Jahr 2022 dürfte überwiegen und könnte die Zentralbanker dazu veranlassen, auf Nummer sicher zu gehen.
In den letzten Jahren haben die Marktteilnehmer meist niedrigere Zinsen erwartet, als sie von den Zentralbanken tatsächlich umgesetzt wurden. Chorlton merkt an:
Staatsanleihen spielen dabei seines Erachtens weiterhin eine zentrale Rolle.
Chorlton weist zudem darauf hin, dass in diesem Umfeld der Inflationsschutz erneut Beachtung verdient. Dazu sollten unterschiedliche Instrumente wie inflationsgebundene Anleihen, die Positionierung auf der Zinsstrukturkurve und das Credit-Risiko in Betracht gezogen werden.
Die Credit-Spreads – also der Renditeaufschlag einer Unternehmensanleihe gegenüber einer vergleichbaren Staatsanleihe ohne Ausfallrisiko – bewegen sich weiterhin nahe ihrem historischen Tiefstand. Demnach besteht nur ein begrenzter Puffer für negative Entwicklungen. Indem wir investiert bleiben, können wir jedoch laufende Erträge erzielen und uns robust für den Fall positionieren, dass sich die Spreads ausweiten. Gleichzeitig verfügen wir über die Flexibilität, neue Risiken einzugehen, sobald die Bewertungen wieder attraktiver werden.
Weitere interessante Bereiche sind unseres Erachtens Anleihen aus Schwellenländern sowie allgemein asiatische Anleihen. Sie ermöglichen eine Diversifizierung in einem unsicheren makroökonomischen Umfeld und können gleichzeitig attraktive laufende Erträge bieten.
„Anleihen verfügen über weit bessere Ausgangsbedingungen als es viele Jahre der Fall war. Allerdings ist die Erschließung der Chancen in dem Bereich komplex. Anleger müssen zwischen laufenden Erträgen und Bonitäts-Risiko, Nominalrendite und Realrendite sowie marktbreitem Exposure und relativem Wert unterscheiden“, fasst Chorlton zusammen.
Emmanuel Deblanc
CIO, Private Markets
Anlagen an privaten Märkten sind insgesamt positiv ins Jahr 2026 gestartet. Seitdem zeichnet sich eine ungleichmäßige Erholung ab, die zeigt, dass Private Markets keine einheitliche Assetklasse sind.
Der Bereich Private Credit sticht als einer der widerstandsfähigeren Bereiche des Markts hervor, so Deblanc. Ein anhaltendes Interesse an variabel verzinslichen Erträgen und die Stärkung der Banken haben beide für kräftige Unterstützung gesorgt. Darüber hinaus können bei einer engen Beziehung zwischen Kreditgebern und Schuldnern in einem unsicheren Umfeld frühzeitig Anzeichen für mögliche Probleme erkannt werden – das kann dazu beitragen, Zahlungsausfälle zu vermeiden. Dies verdeutlicht die „unterschätzte defensive Natur privat vergebener Kredite“, fügt Deblanc hinzu.
Ein weiterer Lichtblick war das Segment Infrastrukturkredite. Im bisherigen Verlauf des Jahres 2026 kam es zu starker Nachfrage institutioneller Anleger dank langfristiger Cashflows, Inflationsanpassung der Erträge sowie unterstützender langfristiger Faktoren (Ausbau von Rechenzentren, Energiewende usw.).
Im Bereich Private Equity ist das Bild gemischter. Deblanc hebt den Anstieg der Transaktionen hervor, während auch die Sponsoren vermehrt zurückkehren, ermutigt durch bessere Verfügbarkeit von Finanzmitteln und klarer absehbare Erträge. Allerdings haben makroökonomische Turbulenzen und die Aussicht auf für längere Zeit hohe Zinsen die positive Stimmung gedämpft. Die Zahl der Börsengänge (IPOs) hat sich erhöht, jedoch besteht weiterhin ein großer Rückstau seitens Private Equity-Gesellschaften, die ihre Anteile an Unternehmen verkaufen möchten („Exit“).
Die Entwicklung der Inflation, der Leitzinsen und der Credit-Spreads dürfte die Entwicklung im Private Markets-Sektor in den nächsten 12 Monaten maßgeblich bestimmen. Deblanc erklärt:
Insgesamt dürften die privaten Märkte für den Rest des Jahres 2026 attraktiv bleiben, wenn auch nicht in allen Teilbereichen. Im weiteren Jahresverlauf dürften sich eher Selektivität, disziplinierter Liquiditätseinsatz und ein strategisches Engagement in strukturellen Themen auszahlen, anstatt sich allein auf eine breite zyklische Erholung zu verlassen.
Richard Gwilliam
Head of Property Research
Das Déjà-vu-Gefühl auf den Immobilienmärkten ist kaum zu übersehen. Gerade als die Erholung an Fahrt gewinnt, macht sich ein weiterer externer Schock bemerkbar. Derzeit erhöhen die Spannungen rund um den Iran die Unsicherheit und bremsen abermals das Tempo der Erholung. Gwilliam kommentiert das wie folgt: „Die Erholung hat sich verlangsamt, aber – und das ist wichtig – sie hat sich nicht umgekehrt.“
An den Immobilienmärkten ist dies ein bekanntes Muster. Die Transaktionsaktivität lässt nach, die Preisgestaltung wird umkämpfter und die Stimmung wird vorsichtiger. Der Optimismus, der noch den Jahresbeginn geprägt hat, hat nachgelassen. Auffällig ist jedoch, wie diese Unsicherheit mit den Fundamentaldaten interagiert: sie bestimmt die Renditen, beeinflusst die Werte und lässt widerstandsfähige Bereiche innerhalb der Assetklasse zutagetreten.
Höhere Finanzierungskosten und gestiegene Anleiherenditen bleiben ein wesentlicher Engpass. Stets wurde erwartet, dass die Erholung in erster Linie ertragsgetrieben sein würde, mit nur begrenztem Spielraum für einen Renditerückgang – und das aktuelle Umfeld verstärkt diese Dynamik. Die Erholung der Kapitalwerte verläuft daher schrittweise, wobei sich die Anleger zunehmend selektiver verhalten und die Preisgestaltung sensibler auf das Zinsumfeld reagiert.
Gleichzeitig machen sich jedoch die Fundamentaldaten bemerkbar. Ein anhaltendes Unterangebot hat zu gebremstem Nachschub bei Wohnimmobilien, erstklassigen Einzelhandelsflächen und hochwertigen Bürogebäuden geführt. Dies wirkt sich auf die Mietermärkte aus, wo sich die Leerstandsquote stabilisiert bzw. sinkt und sich die Nachfrage zunehmend auf hochwertigere Objekte konzentriert. Die angespannten Mietmärkte stützen die Ertragsstabilität, wobei die Spitzenmieten in den meisten Sektoren steigen.
Infolgedessen kommt es am Markt zu verstärkter Differenzierung. So wird die Wertentwicklung immer stärker von objektbezogenen Merkmalen wie Qualität, Lage und Ertragssicherheit bestimmt.
Insgesamt scheint die Erholung eher gedämpft als ins Stocken geraten zu sein. Der Zyklus durchläuft eine Phase der schrittweisen und ungleichmäßigen Anpassung. Dabei drücken Unsicherheiten weiterhin auf Renditen und Preise, während das begrenzte Angebot und die Ertragsstabilität stabilisierend wirken. In Zukunft sollte man als Anleger den Fokus vom Timing der Erholung hin zum vertieften Verständnis verlagern, wie diese strukturellen Kräfte die Entwicklung der Objekte über den gesamten Zyklus hinweg beeinflussen.
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