Value-Rallye - Momentaufnahme oder Auftakt eines Comebacks?

5 min zu lesen 24 Mai 22

Eine Frage wird uns derzeit oft gestellt: Ist die aktuelle Value-Rallye eine Momentaufnahme oder startet jetzt das lange erwartete Comeback? Die ehrliche Antwort ist „Wir wissen es nicht“. Anders als unsere Kollegen aus dem Growth-Bereich ist ein echter Value-Investor immer vorsichtig, wenn es um Fragen zu künftigen Entwicklungen geht. Doch diese Frage wird uns immer wieder gestellt. Darum sollten wir zumindest versuchen, sie zu beantworten. 

Wir sehen eine Reihe guter Gründe dafür, warum ein Value-Comeback in den letzten zehn Jahren gescheitert ist. Doch diese Gründe haben unserer Meinung nach an Gewicht verloren.

1. Umkehr des Wachstumstrends

Die Marktteilnehmer sind einem tief verwurzelten und sich selbst verstärkenden Trend zu Wachstums- und Qualitätsaktien gefolgt. Je länger solch ein Trend anhält, desto mehr Energie ist für eine Umkehr erforderlich.

Hinzu kommt, dass die Anläufe zu einem Value-Comeback ziemlich schwach waren – kurzlebig und nicht sehr umfassend. Daher konnte man sie relativ leicht ignorieren. Die Lehre aus den letzten zehn Jahren war eher, dass jede Value-Rallye eine hervorragende Gelegenheit war, auf Wachstum zu setzen. Jeder Versuch, die Titelauswahl durch einen Value-Filter zu begrenzen, war unklug.

Jetzt sieht das Bild anders aus, denn die Rotation hin zu Value war sowohl stark als auch andauernd. Wachstumsorientierte Investoren mussten erhebliche Verluste hinnehmen: Vor allem diejenigen, die zu spät eingestiegen sind. In vielen Fällen jedoch haben auch diejenigen gelitten, die noch vor Beginn der Corona-Pandemie eingestiegen waren.

2. Extreme Streuung bei den Bewertungen

Wir finden, dass sich ein Blick auf den Ausgangspunkt dieser Rotation lohnt. Der Trend hin zu Value folgte auf eine unglaubliche Rallye der Wachstums- und Qualitätstitel nach Ausbruch der Corona-Krise. (Wir sehen darin eher eine Phase des „Dampfablassens“ bzw. der Kapitulation, was am Ende langfristiger Trends durchaus üblich ist.)

Dadurch wurde die Bewertungsstreuung im Markt auf ein neues Niveau gehoben. Bei vielen Messgrößen lagen die Werte im untersten Hundertstel – und das so weit zurückgerechnet, wie sich überhaupt Daten finden ließen. Wir haben hier also wahrscheinlich die größte Streuung in der Geschichte des Aktienmarktes gesehen.

Nun bin ich jemand, der seit Februar 1999 in dieser Branche tätig ist. Nach diesem absolut verrückten Jahr hätte ich nie geglaubt, dass die Dinge noch verrückter werden könnten ... Doch genau das geschah dann fast exakt 20 Jahre später. Das Wichtigste daran: Es ist die Mathematik, die dafür spricht, dass die extreme Ausgangslage die Chancen für eine Fortsetzung der Rotation wesentlich erhöhen sollte. Ganz besonders auch wegen des folgenden Grundes …

3. Die Welt verändert sich

Genau diese Veränderung stützt unseren Optimismus zum Potenzial von Value. Denn wir sind überzeugt: Wir erleben das Ende mehrerer starker und langfristiger Trends, die bisher Gegenwind für Value bedeutet haben. Mehr noch, diese Trends werden sich mit ziemlicher Sicherheit umkehren. Wir haben diese Entwicklung schon im Juni 2020 im Blogbeitrag „2020s - the decade of the 'cheap asset'" erörtert.

Zunehmende Globalisierung, immer weiter sinkende Zinsen, Dominanz der Zentralbanken, groß angelegte Kreditschöpfung, unglaubliche Gelddruckerei und Deflation: All dies hat das letzte Jahrzehnt geprägt. Unserer Meinung nach haben diese Faktoren stark zu der extremen Bewertungsstreuung und – wir wagen es auszusprechen – zu Spekulationsexzessen beigetragen. 

Doch es wird immer deutlicher, dass die Welt in den nächsten zehn Jahren ein anderes Gesicht bekommen wird. Im Zuge dieser Veränderung werden unserer Meinung nach andere Aktien als bisher gut oder schlecht abschneiden.

Ein Seitenwechsel steht an

Ein Aspekt wird unserer Meinung nach häufig übersehen, wenn es um das Potenzial für eine künftige überdurchschnittliche Wertentwicklung geht: Meiner Erfahrung nach halten die meisten Menschen Value- und Growth-Titel für zwei unterschiedliche, aber klar voneinander abgegrenzte Gruppen von Aktien. In Wirklichkeit sind sie das jedoch nicht.

In Zeiten des Wandels können einstige Value-Titel durchaus zu neuen „Lieblingen“ unter den Wachstumswerten werden. Denken Sie nur an die „langweiligen“ Basiskonsumgüteraktien während des TMT-Booms (Technologie, Medien und Telekommunikation). Genau diese wurden dann Mitte bis Ende der 2010er Jahre gefeiert, als die Anleger „Anleihe-ähnliche“ Titel liebten.

Das gilt ebenso umgekehrt – auch Wachstumstitel können zu Value-Aktien werden. Ein Beispiel dafür sind die Telekommunikationsaktien vor und nach der TMT-Blase. Oder nehmen Sie die Banktitel vor und nach der Finanzkrise.

Wir sind überzeugt, dass dies auch jetzt der Fall sein wird. Und wenn wir Recht haben? Wenn Sie eine entsprechende Bewegung ausgehend von den anfänglichen Bewertungsspannen sehen? Dann kann der Value-Sektor das Momentum auf seiner Seite haben und sich überdurchschnittlich entwickeln.

4. Wachstumsinvestitionen weiterhin dominant

Hinzu kommt eine weitere Beobachtung zum Potenzial von Value-Anlagen: Die Märkte setzen immer noch sehr stark auf Wachstumstitel und sind bei Value-Aktien „short“. Unsere Kurzanalyse verschiedener Datenbanken zeigt, dass fast kein Investmentfonds nennenswerte Gelder in Value-Titel investiert. Wir haben uns zwar nicht mit den Retail-Datenbanken befasst, halten es jedoch für offensichtlich, dass Wachstumswerte auch dort mehr als angemessen vertreten sind.

Einige (mutige?) Kunden haben Geld in unsere M&G Value-Fonds investiert. Doch die Mehrheit der Marktteilnehmer möchte offenbar an ihrem Glauben an Wachstumstitel festhalten. Zumindest haben wir noch keine große Umstellung gesehen.

Anhaltende Wertrallye

Stehen wir vor einer anhaltenden Value-Rallye? Bei aller Vorsicht sage ich: Ja, wir glauben, dass es dieses Mal anders ist. Unserer Einschätzung nach haben Value-Aktien ein enormes Potenzial, sich vom aktuellen Stand aus sehr gut zu entwickeln. Doch bitte glauben Sie uns nicht. Denn wie könnten wir als engagierte Value-Investoren bei dieser Frage wirklich objektiv sein?

Ganz kurz noch zu einer anderen Frage, die uns oft gestellt wird: Ist die Zeit reif, um bei günstigen Wachstumsaktien einzusteigen? Das könnte das Thema eines anderen Beitrags sein. Die kurze Antwort darauf ist jedoch eindeutig: unserer Meinung nach nicht einmal annähernd. 

Der Wert der Vermögenswerte des Fonds und die daraus resultierenden Erträge können sowohl fallen als auch steigen. Dies führt dazu, dass der Wert Ihrer Anlage fallen und steigen wird. Die frühere Wertentwicklung stellt keinen Hinweis auf die künftige Wertentwicklung dar.

von Richard Halle

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