Endlich ein gutes Umfeld für Anleihen?

3 min zu lesen 3 Nov. 22

Jim Leaviss,
Chief Investment Officer,
Public Fixed Income,
M&G Investments

 

Mit den Kursrückgängen sind festverzinsliche Produkte eine glaubwürdige Alternative zu Aktien geworden. Und die Faktoren, die uns in den letzten Jahrzehnten geringere Preisanstiege beschert haben, dürften fortwirken – wenn auch weniger stark als früher.

Der Wert der Vermögenswerte eines Fonds kann sowohl fallen als auch steigen. Dies führt dazu, dass der Wert Ihrer Anlage steigen und fallen wird, und Sie bekommen möglicherweise weniger zurück, als Sie ursprünglich investiert haben. Die in diesem Dokument zum Ausdruck gebrachten Ansichten sollten nicht als Empfehlung, Beratung oder Prognose aufgefasst werden. Bitte beachten Sie, dass bei Erwähnung von Wertentwicklungen die frühere Wertentwicklung keinen Hinweis auf die künftige Wertentwicklung darstellt.

Expansive Geldpolitik, sinkende Leitzinsen, quantitative Lockerungen: Mit diesen Maßnahmen haben die Zentralbanken die Anleiherenditen gedrückt – und zwar so stark, dass Aktien als alternativlos angesehen wurden. Diese Phase war geprägt von TINA („There Is No Alternative“), und mit dieser Logik wurden einige exzessive Ansätze gerechtfertigt. 

Negative Zinsen: das Ende einer Ära

Doch das alles hat sich jetzt geändert. Dieselben Zentralbanken – allen voran die US-Notenbank Fed – straffen ihre Geldpolitik immer weiter. So wollen sie die Inflation in den Griff bekommen. Seitdem die Schweizerische Nationalbank am 22. September die Zinsen erhöht hat, hält nur noch die Bank of Japan an negativen Nominalzinsen fest. 

Die schlechte Nachricht: Von Unternehmensanleihen und Anleihen der Industrieländer über High-Yield-Bonds bis hin zu Schuldtiteln der Schwellenmärkte: Alle Anleihemärkte haben im Jahr 2022 zwischen 15 % und 20 % verloren. Britische Staatsanleihen haben mit am schlechtesten abgeschnitten.

Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Diese Anlageklasse bietet unserer Einschätzung nach jetzt viele Chancen.

An den Verbraucherpreisindex gekoppelte US-Staatsanleihen – kurz „TIPS“ (Treasury Inflation-Protected Securities) – bieten mittlerweile positive Realzinsen. Daraus ergibt sich eine Rendite, die bei Titeln mit 10 oder 30 Jahren Laufzeit 1 % oder sogar 1,5 % über der Inflationsrate liegt. 

Unternehmensanleihen

Rechnet man – so wie wir – nicht mit einer Rezession, dann sollten Unternehmensanleihen einen angemessenen Platz im Portfolio erhalten. Qualitativ hochwertige US-Unternehmensanleihen bieten auf 5-Jahres-Sicht Renditen von über 5 %. Vor zwei Jahren waren es gerade einmal 1 %; der Wert ist heute also fünfmal höher. 

Die Renditeaufschläge bei hochverzinslichen Anleihen liegen fast 550 Basispunkte über den Renditen von US-Staatsanleihen. In Europa sind es aufgrund der Prämie für den Ukrainekrieg sogar 600 Basispunkte. Diese Niveaus preisen eine harte Landung für die Wirtschaft ein; doch wir halten ein solches Szenario für alles andere als sicher. Der gleiche Trend lässt sich in einigen Schwellenländern beobachten, die trotz begrenzter Ausfallrisiken sehr hohe Renditen bieten.

Müssen wir nicht dennoch langfristig unkontrollierbare Preissteigerungen befürchten? Die nicht in den Zinssätzen berücksichtigt sind?

Globalisierung und Technologie

Die langfristige Entwicklung der Inflation vorhersagen: Dazu muss man die grundlegenden Triebkräfte für die jahrzehntelange Disinflation berücksichtigen, also für einen sich abschwächenden Preisauftrieb. Und man muss die Frage stellen, ob diese Triebkräfte verschwunden sind. 

Die wichtigste dieser strukturellen Triebkräfte ist die Globalisierung. Seit China im Jahr 2001 der Welthandelsorganisation beitrat, können wir immer billigere Konsumgüter kaufen.

Ist dieser Trend nun zu Ende? Nein – auch wenn manche Ereignisse auf eine Abschwächung hindeuten könnten: etwa der Handelskrieg zwischen Peking und Washington, der Brexit und die Rückkehr der Zollschranken in Europa. 

Wir glauben, dass auch Technologie und Innovation weiterhin zur Verlangsamung des Preisauftriebs beitragen werden. Nicht nur Haushaltsgeräte, Computer, Kameras und ähnliches wurden günstiger – auch Amazon entfaltete Wirkung. Diese globale E-Commerce-Plattform hilft Verbrauchern wie Unternehmen dabei, Produktpreise viel leichter einzuschätzen. Dies wird sich auch künftig dämpfend auf die Inflation auswirken. Dasselbe gilt für die „Gig-Economy“, also die kurzfristige Auftragsvergabe an Freiberufler und Selbständige. Diese führt zu einer geringeren Arbeitsplatzsicherheit und einem härteren Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt.

Fürchten Sie eine Rückkehr zur Stagflation der 1970er Jahre? Dann sollten Sie eines bedenken: Im Kräfteverhältnis zwischen Arbeitnehmern und Kapital hat Letzteres weiterhin die Oberhand. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad hat sich auf niedrigem Niveau stabilisiert, und inflationsindexierte Entlohnungssysteme sind fast verschwunden.

Unterbrechung der Lieferketten

Natürlich bleiben gestörte Lieferketten und Engpässe kurzfristige Inflationstreiber. Doch ich halte es für wahrscheinlich, dass der Inflationstrend vorübergehend ist. So ist beispielsweise das Arbeitskräfteangebot in der Luftfahrt genauso groß wie vor der Pandemie. Der Luftverkehr ist jedoch immer noch 15 % geringer als in der Vor-Pandemie-Zeit.  

Die Kräfte der Globalisierung und der Technologie waren so stark, dass sich die Zentralbanken die Disinflation zu Unrecht als Errungenschaft angerechnet haben. Deshalb ist die Fähigkeit der Zentralbanken, die Preise durch eine restriktive Geldpolitik wunschgemäß zu senken, zu relativieren. 

Unserer Ansicht nach wird sich eine Zinsanhebung der EZB weniger auf den Preis von russischem Erdgas in Deutschland auswirken als die Diversifizierung des Angebots und die Energiewende.

Der Wert der Vermögenswerte des Fonds und die daraus resultierenden Erträge können sowohl fallen als auch steigen. Dies führt dazu, dass der Wert Ihrer Anlage steigen und fallen wird, und Sie bekommen möglicherweise weniger zurück, als Sie ursprünglich investiert haben.

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