Inflation und Steuererhöhungen: Was können wir von den Märkten erwarten?

5 min zu lesen 31 Okt. 22

Die Zentralbanken sehen sich einer starken und anhaltenden Inflation gegenüber. Darum erhöhen sie die Zinsen – und das wirkt sich auf die Konjunkturaussichten aus. Könnte die Inflation wieder auf das Vorkrisenniveau sinken? Und wie könnte sich dies auf die Märkte und Anlageklassen auswirken? Lesen Sie die Einschätzungen unserer Experten.

Der Wert der Vermögenswerte eines Fonds kann sowohl fallen als auch steigen. Dies führt dazu, dass der Wert Ihrer Anlage steigen und fallen wird, und Sie bekommen möglicherweise weniger zurück, als Sie ursprünglich investiert haben. Bitte beachten Sie, dass bei Erwähnung von Wertentwicklungen die frühere Wertentwicklung keinen Hinweis auf die künftige Wertentwicklung darstellt. Die in diesem Dokument zum Ausdruck gebrachten Ansichten sollten nicht als Empfehlung, Beratung oder Prognose aufgefasst werden.

Dank der Globalisierung und des technologischen Fortschritts „haben die meisten von uns die Inflation über viele Jahre hinweg schwinden sehen“, sagt Jim Leaviss, Chief Investment Officer Public Fixed Income. Doch die Globalisierung steht von verschiedenen Seiten unter Druck. Das gilt besonders, seit pandemiebedingte Engpässe die weltweiten Produktionsabläufe gestört haben. Bezieht man die angespannten Arbeitsmärkte und steigende Energiepreise in die Gleichung ein, erhält man einen starken Inflationstreiber.

Die Zentralbanken handeln, doch ihre Macht ist begrenzt

Um diesem Inflationstrend entgegenzuwirken, haben die Zentralbanken zu einem drastischen Schritt gegriffen und ihre Leitzinsen schnell erhöht. Die Experten von M&G halten den tatsächlichen Einfluss der Zentralbanken jedoch für begrenzt.

„Die Zentralbanken haben den Rückgang der Inflation in den letzten dreißig Jahren als ihren Erfolg verbucht. Doch die Inflation wäre wahrscheinlich ohnehin gesunken – mit oder ohne Zentralbanken. Sie werden die Inflation also wahrscheinlich weniger beeinflussen können, als sie es glauben“, sagt Jim Leaviss. Aus seiner Sicht werden die Zinserhöhungen der EZB beispielsweise „keine Auswirkungen auf die Preise für russisches Erdgas“ haben.

Die Zentralbanker wissen um ihre begrenzte Macht, sagt Steven Andrew, Sustainable and Income Multi-Asset Fund Manager. Sie nutzen jedoch eine günstige Gelegenheit, um aus der Sackgasse ihrer ultralockeren Geldpolitik herauszukommen. Genauso sieht das Fabiana Fedeli, Chief Investment Officer Equities and Multi-Asset. Sie stimmt zu, dass die Zentralbanken nur „stumpfe Werkzeuge“ zur Inflationsbekämpfung haben – und sie weist darauf hin, dass keine anderen Werkzeuge zur Verfügung stehen. Fedeli ist der Meinung, dass die Zinserhöhungen in den USA wahrscheinlich wirksamer sein werden als in Europa. Denn in den USA wird die Inflation stärker durch innere Ursachen getrieben als in Europa.

Anhaltend hohe Inflation und das Risiko einer harten Landung sind noch nicht einkalkuliert

Die drei Manager sind sich einig, dass die Inflation in absehbarer Zeit nicht wieder auf das Vorkrisenniveau zurückkehren wird. Fedeli ist der Ansicht, dass der Preisauftrieb in den nächsten sechs Monaten allmählich zurückgehen könnte; sie erwartet aber für längere Zeit ein erhöhtes Inflationsniveau.

Energie wird wahrscheinlich der wichtigste Faktor für die weitere Entwicklung der Inflation sein. Fedeli zufolge ist der Aufwärtsdruck auf die Erdgaspreise in Europa bereits ein inflationäres Problem. Die Sorge um die Energiesicherheit macht demnach eine „Hinwendung zu sauberer Energie“ erforderlich. Umfangreiche öffentliche Investitionen in erneuerbare Energien auf beiden Seiten des Atlantiks könnten die Inflation kurzfristig weiter anheizen. Langfristig jedoch könnten ein breiteres Angebot und eine ausgebaute Infrastruktur bei den erneuerbaren Energien preisdämpfend wirken, die Energiesicherheit stärken und dem heutigen Inflationsdruck entgegenwirken.

Kurzfristig könnte die straffere Geldpolitik die Wirtschaft allerdings bremsen. Andrew sagt: „Die Märkte sind anfällig, da allgemein eine ‚sanfte Landung‘ erwartet wird. Dies scheint jedoch auch das Best-Case-Szenario für die Gewinnprognosen zu sein, die den Unternehmensbewertungen zugrunde liegen. Eine ‚harte Landung‘ würde diese Annahmen ins Wanken bringen.“ Die Märkte haben das kommende Risiko also vielleicht nicht vollständig eingepreist. Fedeli fügt hinzu, dass es auch darauf ankomme, wie man eine ‚harte Landung‘ definiert: „Es gibt viele Ereignisse mit externen Auslösern“, nicht zuletzt die ‚Energiekrise‘ in Europa und auch eine mögliche ‚Kreditkrise‘. Letztere ist allerdings kein Basisszenario.“ Beim Vergleich der heutigen Situation mit der Finanzkrise von 2008 stellt Fedeli fest, „dass die Banken jetzt besser kapitalisiert sind.“ Das Szenario einer Kreditkrise hält sie daher für weniger wahrscheinlich. Sie geht davon aus, dass wir möglicherweise nur eine stärkere Abschwächung der Nachfrage erleben werden.

Anlagestrategien: Wo liegen die Chancen?

Die Finanzmärkte haben das Worst-Case-Szenario nicht einkalkuliert, doch sie sind seit Jahresbeginn bereits stark gefallen. „Alles ist billiger geworden!“, sagt Steven Andrew. Dieses Umfeld kann mögliche neue Chancen bieten. Die Anleger sollten jedoch – wie immer – Vorsicht walten lassen. „Die in einer Reihe von Märkten erzielbaren Renditen sind im Verhältnis zum Risiko angemessen. Wir haben zum Beispiel japanische Aktien und bestimmte Segmente der europäischen und US-Märkte übergewichtet, besonders US-Banken. Diese könnten unserer Meinung nach gut positioniert sein, um von den steigenden Zinsen zu profitieren“, fügt Andrew hinzu.

Leaviss ist der Meinung, dass „die Anleihemärkte zum ersten Mal seit langem wieder einen Wert bieten. Vor Corona hat sich das Kreditrisiko nicht gelohnt. Doch jetzt bietet es beträchtliche Renditen.“ Auf dem US-Markt für hochverzinsliche Anleihen etwa sind die Renditeaufschläge wieder auf fünfhundert Basispunkte geklettert. Auch die Renditen von Staatsanleihen sind gestiegen. Die Renditeaufschläge könnten noch weiter nach oben gehen. Dennoch hält Leaviss in diesem Segment eine dreijährige ‚Buy-and-hold‘-Strategie für sinnvoll: „Die aktuellen Niveaus preisen eine ‚harte Landung‘ ein, doch wir halten ein solches Szenario für alles andere als sicher. Zudem scheinen die Renditen in bestimmten Schwellenländern sehr hoch zu sein – trotz der begrenzten Ausfallrisiken.“ An den Verbraucherpreisindex gekoppelte US-Anleihen könnten ebenfalls zu den Segmenten gehören, die einen Schutz gegen bestimmte Risiken bieten. Diese „TIPS“ (Treasury Inflation-Protected Securities) bieten jetzt positive Realzinsen: mit Renditen, die bei 10 oder 30 Jahren Laufzeit um 1 % oder sogar 1,5 % über der Inflationsrate liegen.

Und die Aktienmärkte? „Wir sehen keine Marktlage für große Sektor- oder Stil-Entscheidungen“, sagt Fedeli. In der jüngsten Berichtssaison haben selbst Unternehmen aus dem gleichen Sektor sehr unterschiedlich abgeschnitten. Dies führt sie auf Faktoren wie die unterschiedliche Präsenz in bestimmten Endmärkten, Verschuldungsgrade oder Managementstrategien zurück. Fedeli hält die Suche nach Aktien für wichtig, die „eine Volatilität überstehen können, wie wir sie in den nächsten sechs Monaten wahrscheinlich erleben werden.“

Die US-Aktienmärkte sieht Fedeli insgesamt nicht als besonders attraktiv an. Sie sagt jedoch: „Wir finden interessante Möglichkeiten bei Technologietiteln, die nicht unter der schwächeren Nachfrage von Endverbrauchern leiden, sondern in Wachstumsbereichen aktiv sind – etwa bei Unternehmenslösungen, Cloud- und Datendiensten.“ Andrew ist der Meinung, dass US-Banken ein begünstigter Sektor sein könnten. Diese Titel profitieren in der Regel direkt von einem Umfeld mit höheren Zinsen.

Auch der britische und japanische Markt können nach Einschätzung von Fedeli attraktive, marktspezifische Chancen bieten. Sie warnt jedoch: „Selektivität ist der Schlüssel.“ Sie bevorzugt zudem langfristige Themen, die unabhängig vom vorherrschenden Marktumfeld bestehen und von weiteren Investitionen profitieren können. Zwei Bereiche hebt sie besonders hervor: Zum einen erneuerbare Energien; dazu gehören neben Versorgern auch Firmen, die ihre Energieeffizienz durch den Einsatz CO2-armer Technologien verbessern. Zum anderen Infrastruktur: Viele dieser Unternehmen erzielen inflationsgebundene Erträge und bezahlen höhere und wachsende Dividenden.

Für die Experten von M&G bleiben Selektivität und Diversifizierung entscheidend, um der gegenwärtigen wirtschaftlichen Unsicherheit zu begegnen.

Der Wert der Vermögenswerte des Fonds und die daraus resultierenden Erträge können sowohl fallen als auch steigen. Dies führt dazu, dass der Wert Ihrer Anlage steigen und fallen wird, und Sie bekommen möglicherweise weniger zurück, als Sie ursprünglich investiert haben.

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