Makroökonomie und Politik
4 min zu lesen 11 Nov. 24
Die US-Wahl wird die knappste aller Zeiten. Diese weit verbreitete Einschätzung hat sich als völlig falsch erwiesen. Donald Trump kehrt mit einem überzeugenden Wahlergebnis ins Weiße Haus zurück, und dies möglicherweise begleitet von einem klaren Schnitt zugunsten der Republikaner – das Weiße Haus, der Senat und (wahrscheinlich) auch das Repräsentantenhaus sind nun alle in republikanischer Hand. Der designierte Präsident Trump wird große Handlungsspielräume haben, um sein Programm für hohes Wachstum, hohe Zölle und niedrige Steuern umzusetzen. Wie haben die Märkte auf Trumps Sieg reagiert? Und worauf sollten sich die Investoren für die Zukunft einstellen?
Die Aktienmärkte hassen Ungewissheit. Da es einen klaren Gewinner gibt, war die unmittelbare Marktreaktion daher weitgehend positiv. Die US-Aktienmärkte haben neue Rekordhöhen erklommen, wobei Finanzwerte zu den größten Gewinnern gehörten – angesichts der Hoffnung, dass Trump die Regulierung lockern könnte. Die Märkte im Vereinigten Königreich und in Europa legten am Mittwochmorgen zunächst kräftig zu, bauten ihre Gewinne dann jedoch wieder ab.
Die erste Reaktion fiel also überschwänglich aus. Doch die Euphorie könnte sich angesichts der Aussicht auf wochenlanges Gerangel und juristische Herausforderungen als kurzlebig erweisen. Sobald die anfänglichen Gewinne verbucht sind, könnte sich der Fokus der Investoren eher auf die längerfristigen Auswirkungen von Trumps Politik verlagern.
Trumps Agenda wird das Defizit wahrscheinlich noch weit über die Annahmen des Haushaltsbüros des Kongresses (CBO) hinaus ausweiten. Diese gehen davon aus, dass das US-Steuerreformgesetz von 2017 (TCJA) Ende 2025 ausläuft. Die Renditen der US-Staatsanleihen sind sofort gestiegen und der US-Dollar hat zugelegt. Die unmittelbare Reaktion der Märkte deutet die Erwartung an, dass Trump seine wichtigsten politischen Ziele durchsetzen wird: TCJA verlängern, Unternehmenssteuern senken, staatliche Regulierung abbauen und die US-Handelspolitik kämpferisch gestalten.
Wie sieht es auf der Währungsseite aus? Der US-Dollar ist sofort in die Höhe geschnellt. Die Devisenmärkte haben direkt eingepreist, dass Trump höhere Einfuhrzölle angekündigt hat. Zugleich ist der Euro stark gefallen. Der Grund dafür ist nicht nur, dass ein höheres Wachstum in den USA wahrscheinlich inflationär wirkt und den US-Dollar stützt. Es liegt auch an Trumps Ankündigungen, Importe aus Europa mit Zöllen in Höhe von 10 % zu belegen. Abzuwarten bleibt, ob Trump seine Zolldrohungen gegen China wahr macht oder ob es um eines seiner klassischen „Deal Makings“ geht – mit dem eigentlichen Ziel eines Handelsabkommens zwischen den USA und China.
Die US-Aktienmärkte sind gestiegen, weil die Investoren Trump als positiv für die amerikanischen Unternehmen einschätzen. Ähnlich wie bei der Wahl 2016 hat der US-Aktienmarkt also positiv auf den Trump-Sieg reagiert. Entschärfte regulatorische Vorgaben, mögliche Steuererleichterungen für Unternehmen und zusätzliche Einfuhrzölle: Das sind allesamt gute Nachrichten für die Gewinne der US-Firmen.
Die Märkte werden einen klaren Wahlsieg der Republikaner begrüßen, da die angekündigten Maßnahmen dann mit höherer Wahrscheinlichkeit umgesetzt werden. Der Optimismus-Index für Kleinunternehmen der National Federation of Independent Business (NFIB) verbesserte sich nach der Wahl 2016 kräftig. Es wird interessant sein zu sehen, ob sich dies wiederholt. Trump wird wahrscheinlich zusätzliche Zölle einführen, doch werden diese wahrscheinlich niedriger ausfallen als im Wahlkampf angekündigt. Zudem werden sie zu Vergeltungszöllen der betroffenen Handelspartner der USA führen.
Der Sieg Trumps wird kurzfristig wahrscheinlich zu einem Aufschwung für die US-Wirtschaft führen: Die Republikaner haben sich darauf festgelegt, zur Ankurbelung des Wachstums Vorschriften abzubauen und Steuern zu senken. Es zeichnen sich jedoch keine großen Bestrebungen ab, das Defizit wieder auf Normalmaß zu bringen. Das derzeitige Ausgabenniveau ist eher typisch für Rezessionen, und eine Verringerung scheint nicht in Sicht zu sein. Wenn die Wirtschaft durch weiter erhöhte Ausgaben angekurbelt wird, könnte das die Lage verschärfen. Die möglichen Folgen sind ein größerer Finanzierungsbedarf, höhere Zinsausgaben und ein potenzieller Verdrängungseffekt. Dies wiederum könnte sich in längerfristig erhöhten Zinssätzen niederschlagen – also „higher for longer“. Sobald sich die Wogen geglättet haben, werden sich die Anleihemärkte Gedanken über eine höhere Inflation und größere US-Haushaltsdefizite machen.
Die Anleihemärkte haben den „Trump-Trade“ allerdings bereits weitgehend eingepreist. Die Zinssätze waren vor der Wahl gestiegen – in der Erwartung, dass eine Trump-Regierung zu höherer Inflation führen würde. Bei ansonsten gleichbleibenden Rahmenbedingungen scheint das weitere Abwärtspotenzial daher begrenzt zu sein. Übrigens erleben wir dies alles nicht zum ersten Mal: Während „Trump 1.0“ lag die Inflation in der Nähe des Zielwerts (durchschnittlich 1,9 %), das Wachstum war stabil und die Zinssätze bewegten sich zwischen 2 % und 3 %. Die Folgen von Trumps Politik fielen damals also moderater aus als erwartet.
Könnte es dieses Mal anders sein? Möglicherweise. Doch historisch gesehen hat es für die Entwicklung der Aktienmärkte kaum einen Unterschied gemacht, wer im Weißen Haus saß. Letztendlich zählen die Fundamentaldaten. Allerdings spielen auch spezifische politische Maßnahmen eine Rolle, und sie werden sich auf verschiedene Regionen und Sektoren auswirken.
Trumps angekündigte Zollpolitik hat die Schlagzeilen beherrscht. Die Rede ist von + 60 % auf alle Importe aus China und + 10 % auf Einfuhren aus anderen Ländern. Abmildernd wirkt jedoch, dass sowohl chinesische als auch europäische Unternehmen dieses Mal viel besser vorbereitet sind, um höheren Zöllen standzuhalten. Nach eigener Einschätzung ist die EU während der ersten Trump-Präsidentschaft kalt erwischt worden. Dieses Mal hat sie bereits mögliche Gegenzölle ausgearbeitet, die sie bei Bedarf in Kraft setzen kann. Einige Sektoren wie die erneuerbaren Energien werden davon betroffen sein. Allerdings haben nicht alle Unternehmen ein großes US-Geschäft, und die Bewertungen scheinen einen Sieg Trumps bereits einzupreisen.
Blicken wir nach China. Dort könnte sich der Markt nach Trumps Sieg kurzfristig beleben. Der Nationale Volkskongress tritt diese Woche zusammen, und die Ankündigung eines neuen Konjunkturpakets war ohnehin erwartet worden. Jetzt, da Trump ins Weiße Haus einziehen und mit Zöllen drohen wird, könnte der Umfang dieses Konjunkturpakets größer ausfallen als geplant.
Bis wir sehen, welche der angekündigten Maßnahmen die neue Trump-Regierung tatsächlich umsetzt, ist an den Finanzmärkten mit einer erhöhten Volatilität zu rechnen. Unserer Meinung nach sollten die Investoren differenziert vorgehen: US-Aktien werden auf den Sieg Trumps wahrscheinlich insgesamt positiv reagieren; dieser Effekt könnte jedoch angesichts der möglichen Zölle durch Aktien von Nicht-US-Firmen ausgeglichen werden. Doch wo es Marktvolatilität gibt, bieten sich auch Chancen für einen aktiven Manager – das schafft ein günstiges Marktumfeld für Handelsaktivitäten.
Repräsentantenhaus – Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrags ist das Endergebnis noch unklar: Die Republikaner verfügen über 206 Sitze, die Demokraten über 191. Für die Mehrheit im Repräsentantenhaus sind 218 Sitze erforderlich
Electoral College – Die Wahlmänner der Bundesstaaten stimmen am Dienstag, den 17. Dezember 2024, im Electoral College ab
Bestätigung des Ergebnisses – Der US-Kongress tritt am Montag, den 6. Januar 2025 zusammen, um das Ergebnis offiziell zu bestätigen
Beginn der Präsidentschaft – Trump wird am Montag, 20. Januar 2025, als Präsident vereidigt