Schwellenländer
7 min zu lesen 16 März 26
2025 war ein hervorragendes Jahr für Aktien aus Schwellenländern (Emerging Markets). Sie erzielten ihre besten Ergebnisse seit 2017 und übertrafen Aktien aus entwickelten Staaten im Schnitt um rund 10%-Punkte. Diese Outperformance hat angesichts geopolitischer und wirtschaftlicher Turbulenzen die Widerstandsfähigkeit und die sich verbessernden Fundamentaldaten dieses Anlagesegments illustriert. Dies beginnt auch den Anlegern zunehmend bewusst zu werden. Nachdem Emerging Markets-Aktien mehrere Jahre lang von vielen übersehen wurden, steigt nun das Interesse an ihnen, zumal das Vertrauen in die Ausnahmestellung der USA erschüttert ist.
Michael Bourke, Head of Emerging Market Equities bei M&G Investments, erläutert in diesem Artikel, was die Wertentwicklung von Emerging Markets-Aktien antreibt, warum sich das Verhalten der Unternehmen in Schwellenländern verbessert, wo er besondere Chancen sieht und ob es jetzt an der Zeit sein könnte, dass Aktien aus den Emerging Markets wieder ins Rampenlicht rücken.
Die Kurszuwächse in den Schwellenländern wurden durch eine Vielzahl von Faktoren getrieben – die Schwäche des US-Dollars, die Begeisterung für Künstliche Intelligenz (KI) und die Entspannung der Beziehungen zwischen den USA und China. Einige Aktien aus Schwellenländern haben besonders vom KI-Boom profitiert: Die Veröffentlichung des chinesischen DeepSeek-Modells hat den Enthusiasmus für Chinas Fortschritte im KI-Bereich beflügelt, während Speicherchiphersteller in Korea und Taiwan mit ihren Produkten die KI-Revolution antreiben.
In bestimmten Ländern, speziell in Korea, China und Mexiko, ist ein erheblicher Teil der Wertentwicklung auf gestiegene Bewertungen zurückzuführen, d. h. diese Märkte sind teurer geworden. Die treibende Kraft dahinter war der Optimismus hinsichtlich der zukünftigen Gewinnentwicklung, die sich unseres Erachtens nach in den kommenden Jahren ergeben wird.
Insgesamt ist der Börsenaufschwung in den Emerging Markets nach unserer Einschätzung von steigenden Bewertungen getrieben, die durch die Gewinnerwartungen gut gestützt werden.
Wir meinen, dass 2026 ein weiteres positives Jahr für die Schwellenländer werden könnte. Das gesamtwirtschaftliche Umfeld für die Unternehmensgewinne erscheint günstig: Die Schwellenländer bieten nach wie vor ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum und sind finanziell in besserer Verfassung als die entwickelten Staaten, die mit höheren Schulden und Haushaltsdefiziten zu kämpfen haben. Dieses Umfeld könnte sich positiv auf die Unternehmen in den Emerging Markets auswirken, und auch die Gewinne dürften ein wichtiger Treiber der Wertentwicklung sein. So gehen die Konsensschätzungen von einem durchschnittlichen Gewinnwachstum von 17 % im Jahr 2026 und 12 % im Jahr 2027 aus.
Am Markt wird aktuell für 2026 mit drei Zinssenkungen durch die US-Notenbank gerechnet. Dies würde den Zentralbanken der Schwellenländer mehr Flexibilität verschaffen, da niedrigere US-Zinsen in der Regel die Attraktivität von Schwellenländeranlagen erhöhen. So könnte es zu einer weiteren geldpolitischen Lockerung in den Schwellenländern kommen, was die dortige Konjunktur stützen könnte. Und schließlich könnte der US-Dollar strukturell schwächer werden, da eine „weniger außergewöhnliche“ Entwicklung der Wirtschaft und der Finanzmärkten in den USA die immer noch hohe Bewertung des Dollars untergräbt.
Zunächst einmal sind die Aktienbewertungen in den USA sehr hoch, während das Bewertungsniveau in den Schwellenländern deutlich günstiger erscheint. Außerdem sind dort auch die Gewinnaussichten unserer Meinung nach vielversprechender. Einer der Gründe für das schlechtere Abschneiden der Schwellenländer in den letzten zehn Jahren war das geringe Gewinnwachstum. Die gute Nachricht ist, dass sich diese Situation allmählich ändert, da die Unternehmen, insbesondere in China, ihr Kapital inzwischen rentabler einsetzen.
Die Renditen, die Unternehmen aus Schwellenländern in den letzten Jahren erzielt haben, sind auf den höchsten Stand des letzten Jahrzehnts geklettert. Unserer Ansicht nach ist dieser Trend gut begründet. Die Gewinnschätzungen für Schwellenländer für die nächsten zehn Jahre deuten auf sich verbessernde Wachstumsunterschiede hin, was langfristig eine Outperformance gegenüber entwickelten Volkswirtschaften erwarten lässt.
Das gestiegene Renditepotenzial spiegelt sich auch in einer höheren Bewertung wider. Aktien aus den Emerging Markets werden derzeit mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14 gehandelt, was über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre liegt. Wir glauben jedoch, dass dies durch die höhere Unternehmensrentabilität gerechtfertigt ist.
Investoren waren lange Zeit gegenüber China zurückhaltend – bis vor kurzem wurde es von manchen noch als „uninvestierbar” bezeichnet. Aber die Stimmung in Bezug auf China erholt sich: 2025 gab es Rekordinvestitionen aus Festlandchina in Hongkong, und auch ausländische Investoren sind nach China zurückgekehrt.
Die Attraktivität chinesischer KI-Aktien und zahlreiche Neuemissionen haben Kapital angezogen. Darüber hinaus sind die Zinsen in China mit rund 1 % sehr niedrig, was Sparer ebenfalls dazu veranlasst hat, ihr Geld an den Aktienmärkten anzulegen.
Eine der Hauptsorgen der Anleger in Bezug auf China war die anhaltende Immobilienkrise. Das Überangebot an Immobilien und die fallenden Preise hatten einen negativen Vermögenseffekt im Inland, aber wir glauben, dass die Talfahrt auf dem Immobilienmarkt ihren Tiefpunkt erreicht hat. Die Zahl der Neubauprojekte ist gesunken, was zur Drosselung des Angebots beiträgt und mit einer allgemeinen Belebung der Konjunktur einhergeht.
Interessant sind die Prioritäten Chinas für den nächsten Fünfjahresplan. Die Politik beginnt sich auf ein hochwertigeres Wachstum zu konzentrieren, und es wird über eine größere Selbstständigkeit im Technologiebereich gesprochen, was sich auf Halbleiter und KI-bezogene Ausrüstung bezieht.
Wir halten den Technologiesektor für sehr spannend. DeepSeek hat die Fähigkeiten Chinas im KI-Bereich offengelegt. Dabei schlägt China den Weg der Open-Source-KI-Modelle ein, was zu einer breiteren Nutzung und Akzeptanz führen könnte. Dies könnte auch bedeuten, dass eher die Anwendungsentwickler als die Modellentwickler von den wirtschaftlichen Vorteilen profitieren, was einen bemerkenswerten Unterschied zum KI-Bereich im Westen darstellt.
Wir sind optimistisch, dass sich die Kapitalallokation der Unternehmen und das Renditepotenzial in China verbessern werden. Unserer Ansicht nach hat China einige der aktionärsfreundlichen Maßnahmen übernommen, die wir auch in anderen asiatischen Ländern beobachten konnten. Dazu zählen Aktienrückkäufe sowohl staatlicher als auch privater Unternehmen sowie höhere Dividenden.
Trotz des niedrigeren BIP-Wachstums in den letzten Jahren hat sich das Umfeld für Unternehmen verbessert, die sich eher auf Rendite und Rentabilität konzentrieren, als um jeden Preis Wachstum anzustreben. Dadurch wird China unserer Meinung nach zu einem attraktiveren Investitionsstandort.
Tatsächlich sind viele Investoren in den Schwellenländern untergewichtet, was vor allem auf die Dominanz des US-Marktes zurückzuführen ist. So weisen viele aktive globale Fonds eine geringere Allokation in Schwellenländern auf als die Gewichtung von ca. 11 % im MSCI ACWI Index1. Zudem spiegelt dieser Anteil am Index die wirtschaftliche Bedeutung der Schwellenländer nur unvollständig wider, die mittlerweile rund 50 % des globalen BIP ausmachen. Infolgedessen sind Anleger sowohl zyklisch als auch strukturell in Schwellenländern untergewichtet und verpassen daher möglicherweise viele vielversprechende Chancen.
Wir glauben, dass die wichtigsten Vorteile dieses Anlagesegments seine Widerstandsfähigkeit und seine Diversifizierungseigenschaften sind. In letzter Zeit hat sich die regionale Diversifizierung der Schwellenländer als günstig erwiesen, da verschiedene Regionen zu unterschiedlichen Zeiten gut abgeschnitten haben: Die Marktführerschaft hat sich von den Schwellenländern Europas über Korea und Lateinamerika bis hin zu China und Südafrika verlagert, wodurch sie Aktien aus entwickelten Volkswirtschaften überflügelt haben.
Die breite Branchenstreuung in den Schwellenländern trägt ebenfalls zu ihrer strukturellen Robustheit bei – so umfasst das Anlagesegment die Bereiche Rohstoffe, Technologie, Finanzen, Produktion und Dienstleistungen. Das bedeutet, dass kein einzelner makroökonomischer Faktor – seien es Binnenkonsum, Exportnachfrage oder Reformen – die Wertentwicklung des Gesamtmarkts dominiert.
In den Schwellenländern divergieren die Korrelationen zwischen den Ländern und Sektoren, was Möglichkeiten zur Risikodiversifizierung bietet. Aktien aus den Emerging Markets weisen eine geringe Korrelation mit solchen aus etablierten Staaten auf, was ebenfalls das Portfoliorisiko verringern kann. Da Anleger eine Diversifizierung weg von den USA und der Marktkonzentration anstreben, könnten Schwellenländeraktien die Widerstandsfähigkeit des Portfolios und die Anlagerenditen verbessern.
Wir wählen Aktien nach einem Bottom-up-Ansatz aus. Unsere Anlagen sind daher das Ergebnis der Suche nach attraktiven Chancen bei einzelnen Titeln und nicht das Ergebnis von Einschätzungen bezüglich Ländern und Sektoren. Dennoch sind wir derzeit in einigen Ländern stark engagiert, in denen wir vielversprechende Chancen sehen.
Beispielsweise halten wir die Bewertungen in Brasilien allgemein für attraktiv; viele Aktien sind dort gemessen an den Fundamentaldaten nach wie vor günstig. Auch die inländischen Rahmenbedingungen verbessern sich dank der lockeren Geldpolitik.
Indonesien ist ein weiteres Land, in dem wir unsere Gewichtung in letzter Zeit erhöht haben. Wir finden hier im Vergleich zu Nordasien mehr Anlagekandidaten mit Aufwärtspotenzial. Die Bewertungen erscheinen attraktiv, während die zugrunde liegende Rentabilität unserer Ansicht nach weiterhin nachhaltig ist.
Wir glauben zudem, dass Südafrika weiterhin Potenzial hat, positiv zu überraschen. Wir sehen dort viele Aktien mit Potenzial für höhere Renditen und attraktive Bewertungen. Die Stromknappheit im Land hat sich entspannt, was das Wirtschaftswachstum ankurbeln und sich positiv auf die Unternehmensgewinne auswirken könnte.
In erster Linie sind wir aktive Anleger. Wir können überall in den Emerging Markets nach Chancen suchen. Angesichts der häufigen Diskrepanz zwischen Bewertungen und Rentabilität in Schwellenländern kann es sehr nützlich sein, flexibel Kapital umzuschichten, Verwerfungen zu nutzen und Potenzial in verschiedenen Märkten zu identifizieren.
Wir sind außerdem langfristig orientiert, wodurch wir von der Volatilität profitieren können, die für dieses Anlagesegment charakteristisch ist. Aktien aus Schwellenländern neigen dazu, auf externe Schocks überzureagieren, und die damit verbundenen Schwankungen bieten uns als langfristigen Investoren die Möglichkeit, von kurzfristigen irrationalen Ausschlägen zu profitieren.
Seit 2009 verfolgen wir einen konsistenten und wiederholbaren Investmentprozess, der sich auf drei Kernprinzipien stützt: Kapitalrendite, Bewertungen und Ausrichtung auf die Interessen der Aktionäre. Wir konzentrieren uns vor allem darauf, Unternehmen zu finden, die ihre Kapitalrendite verbessern oder aufrechterhalten können, deren zukünftige Gewinne unterschätzt werden und deren Interessen mit denen ihrer Aktionäre übereinstimmen.
Eine Besonderheit, die unserer Meinung nach gut zur volatilen Natur von Anlagen in Schwellenländern passt, ist unser Fokus auf eine ausgewogene Portfoliostruktur. Wir investieren in vier verschiedene Arten von Unternehmen mit unterschiedlichen Merkmalen, um unter verschiedenen Marktbedingungen eine beständige Performance zu erzielen.
Als disziplinierte und geduldige Investoren sind wir davon überzeugt, dass unsere Bottom-up-Strategie mit Fokus auf die Bewertungen einen differenzierten Ansatz für Anlagen in Schwellenländern darstellt, mit dem sich die vielfältigen langfristigen Chancen dieser Anlageklasse erfolgreich nutzen lassen.
Der Wert eines Investments kann sowohl fallen als auch steigen. Dies führt dazu, dass Preise steigen und fallen können, und Investoren bekommen möglicherweise weniger zurück, als sie ursprünglich investiert haben. Die frühere Wertentwicklung stellt keinen Hinweis auf die künftige Wertentwicklung dar. Die in diesem Dokument zum Ausdruck gebrachten Ansichten sollten nicht als Empfehlung, Beratung oder Prognose aufgefasst und nicht als Empfehlung zum Kauf oder Verkauf eines bestimmten Wertpapiers betrachtet werden.