Einblicke in die Schwellenländer: Aktuelles aus Korea

6 min zu lesen 17 März 26

Michael Bourke, Leiter des Bereichs Emerging Market Equities bei M&G Investments, war kürzlich vor Ort in Südkorea. Nachfolgend seine Einschätzungen und Erkenntnisse.

Der koreanische Aktienmarkt hat 2025 ein großartiges Jahr erlebt. Die lange als „Value-Falle“ verschriene Börse Südkoreas gewann um mehr als 60 % hinzu. Damit gehörte sie 2025 zu den besten unter den wichtigen Aktienmärkten der Welt1.

Dieser enorme Kursaufschwung spiegelt eine deutlich veränderte Anlegerstimmung wider. In der Vergangenheit waren Anleger skeptisch gegenüber einem Markt, der von Familienkonzernen (sog. Chaebol) wie Samsung, Hyundai und SK Group dominiert wird. Solche Chaebols werden nicht immer im Interesse der Minderheitsaktionäre geführt und weisen trotz erheblicher Gewinne meist recht niedrige Dividendenquoten auf.

Das war viele Jahre lang eine Quelle der Frustration für Investoren und führte dazu, dass koreanische Unternehmen mit einem Abschlag gegenüber ihren globalen Konkurrenten gehandelt wurden.

Was hat sich also 2025 Positives getan? Korea ist seit langem eine der dynamischsten und innovativsten Volkswirtschaften der Welt. Heute unterstützen koreanische Speicherchips die Revolution im Bereich Künstliche Intelligenz (KI), Schönheitsprodukte aus Korea erobern mit intelligentem Online-Marketing die Welt und koreanische Autos gewinnen weitere Anteile am globalen Markt.

Beflügelt wurde Koreas Börse im Jahr 2025 durch die KI-Begeisterung sowie Unternehmensreformen im Rahmen des staatlichen „Value-up“-Programms zur Steigerung des Firmenwerts, unterstützt durch attraktive Bewertungen. Der sogenannte Korea-Discount hat sich im Zuge dieser Entwicklung verringert.

KI-Boom

Zum erheblichen Teil ist die Rallye koreanischer Börsentitel im Jahr 2025 auf den globalen KI-Boom zurückzuführen. Die Technologiefirmen Samsung Electronics und SK Hynix, die zusammen etwa 30 % des Aktienmarkts in Korea ausmachen2, haben von steigenden Ausgaben für KI-Ausrüstung und -Infrastruktur profitiert. Sie sind die wichtigsten Lieferanten von Speicherchips für Nvidia und andere Hersteller hochleistungsfähiger Mikrochips.

SK Hynix ist ein führender Anbieter von High Bandwidth Memory (HBM), einer Spitzentechnologie, die zusammen mit Grafikprozessoren (GPUs) für komplexe KI-Prozesse von zentraler Bedeutung ist. Der Aktienkurs des Unternehmens stieg 2025 um mehr als 200 %.

Während meines Aufenthalts in Seoul war die Debatte über diese bedeutenden Speicher-Anbieter und die künftige Nachfrage nach ihren Produkten in vollem Gange. Der aktuelle Bedarf im HBM-Segment ist sehr hoch und es herrscht ein Mangel an Speicherchips. Ich bin aber der Ansicht, dass die Börsenbewertungen ein hohes zukünftiges Wachstum unterstellen und es könnte für die Speicher-Anbieter schwierig werden, das erwartete Renditeniveau aufrechtzuerhalten.

Die Erträge dieser Firmen sind relativ schwer absehbar, und wenn sich die Nachfrage im Zuge der Expansion von Rechenzentren abschwächen sollte, könnte dies die Speicherpreise beeinträchtigen. Wir haben vom Kursaufschwung im Jahr 2025 profitiert, halten es aber für angebracht, in diesem Bereich Gewinne mitzunehmen.

„Value-up“-Reformen

Neben der Nachfrage nach KI-Ausrüstung war ein weiterer Faktor, der Koreas Aktienmarkt zugutekam, das umfassende Reformprogramm der Regierung.

Mit der sogenannten „Value-up“-Initiative will die koreanische Regierung die Renditen heimischer Investoren auf dem lokalen Aktienmarkt verbessern. Für entsprechenden Schub sorgte die Verabschiedung des Handelsgesetzes im Juni nach dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Lee Jae Myung.

Ein Großteil des Programms orientiert sich an Reformen, die vor über 10 Jahren in Japan unter der Bezeichnung Namen „Abenomics“ stattfanden. Korea orientiert sich an dieser Politik, weil es vor ähnlichen Herausforderungen steht wie sein Nachbarland. Dazu zählen Probleme aufgrund einer alternden Bevölkerung, ein wenig leistungsfähiges Sozialnetz und geringe Ersparnisse vieler Rentner.

Mit ihrer Initiative will die Regierung den Koreanern eine Teilhabe am Wohlstand und Erfolg der Unternehmen des Landes ermöglichen, indem Anreize für höhere Aktionärsrenditen und steigende Börsenbewertungen gesetzt werden.

Die Regierungspolitik zielt auf ein verändertes Verhalten der Unternehmen ab, soll zu niedrigeren Steuern auf Dividenden führen, unternehmensinterne Reformen beschleunigen und unabhängige Direktoren dazu motivieren, stärker im Interesse der Minderheitsaktionäre zu handeln.

Daraus resultiert ein deutlich günstigeres Umfeld, das zu einem effizienteren Kapitaleinsatz bei koreanischen Unternehmen führen kann. In dem Zusammenhang sind bereits Kapitalmaßnahmen der Großkonzerne zu beobachten, welche die Wirtschaft in Korea dominieren.

Korea sollte Japans Beispiel folgen

Allerdings gibt es im Rahmen dieser Regierungsinitiative noch viel zu tun, insbesondere seitens der Führung der koreanischen Börse. Der Optimismus der Anleger hinsichtlich der Corporate Governance-Reformen in Japan war weitgehend der Führung von Hiromi Yamaji zu verdanken, dem CEO der Japan Exchange Group (JPX). Er entwickelte das „Aktionsprogramm“ der JPX, das sich nicht nur auf die Unternehmensführung bezieht, sondern sich vor allem an die Board-Mitglieder selbst richtet. Ziel ist dabei, langjährige selbstgefällige Verhaltensweisen zu ändern. Verstärkt wurde die Wirkung des Programms durch enge direkte Zusammenarbeit mit Führungskräften börsennotierter Unternehmen in Japan, um eine starke Beteiligung der Firmenleitung an den Initiativen sicherzustellen.

Meiner Meinung nach sollte der Chef der koreanischen Börse diesem Beispiel folgen und durch obligatorische Maßnahmen eine umfassende Beteiligung der Unternehmen bewirken. Vorgegeben werden sollten Reformen auf Grundlage folgender Prinzipien: Aktionärsrechte, Anlegerschutz, Unabhängigkeit des Boards, Kapitalkosten und Kapitalverwendung. Eine Kombination aus übergeordneten gesetzlichen Vorgaben und konkreter Umsetzung durch die einzelnen börsennotierten Firmen dürfte der Schlüssel zu einer vorteilhaften Weiterentwicklung des koreanischen Kapitalmarkts sein.

Auch wenn noch einiges zu tun bleibt, könnten die der Reformen bei korrekter Umsetzung erhebliche positive Auswirkungen auf koreanische Aktien haben.

Ausblick

Nach den beeindruckenden Kurszuwächsen im Jahr 2025 stellt sich die Frage, ob diese positive Dynamik anhalten kann. Wir haben nach dem kräftigen Anstieg der Notierungen einige Gewinne aus unseren Positionen in koreanischen Technologieaktien mitgenommen. Gleichzeitig sehen wir am Aktienmarkt Koreas Spielraum für eine Umschichtung unseres Engagements auf der Sektorebene. Beispielsweise halten wir Banken noch für attraktiv bewertet, zudem zahlen diese mittlerweile höhere Dividenden. Auch außerhalb der Technologiebranche sind wir generell recht optimistisch, was das Bewertungspotenzial angeht.

Das Zusammentreffen des KI-Themas und des Value-Up-Programms hat den koreanischen Aktienmarkt im Jahr 2025 in eine ideale Position versetzt. Es dürfte künftig schwieriger werden, die daraus resultierende Kursdynamik aufrechtzuerhalten. Angesichts der laufenden Reformen und mit Blick auf die globale Führungsrolle innovativer Unternehmen aus Korea meinen wir aber weiterhin, dass das Land für selektiv vorgehende Aktienanleger attraktiv ist.

1 Quelle: LSEG Datastream, 26. November 2025. Angaben in Lokalwährung.
2 Bloomberg, „AI frenzy fuelling tech dominance rewrites Asia’s market playbook”, Oktober 2025.

Für Updates anmelden

Der Wert eines Investments kann sowohl fallen als auch steigen. Dies führt dazu, dass Preise steigen und fallen können, und Sie bekommen möglicherweise weniger zurück, als Sie ursprünglich investiert haben. Die frühere Wertentwicklung stellt keinen Hinweis auf die künftige Wertentwicklung dar. Die in diesem Dokument zum Ausdruck gebrachten Ansichten sollten nicht als Empfehlung, Beratung oder Prognose aufgefasst und nicht als Empfehlung zum Kauf oder Verkauf eines bestimmten Wertpapiers betrachtet werden.

Ähnliche Insights