Makroökonomie und Politik
10 min zu lesen 22 Mai 26
Der durch den Iran-Konflikt ausgelöste Energieschock hat die gesamtwirtschaftlichen Aussichten vielerorts getrübt. Jedoch ist der hiermit verbundene Teuerungsschub im Kontext eines umfassenderen Inflationszyklus nach der Corona-Krise zu sehen. Anleger müssen sich klarmachen, dass die erhöhte Inflation nicht vorübergehend, sondern struktureller Natur ist. Dabei treibt nicht die globale Nachfrage die Inflation, vielmehr sind Angebotsverknappungen verantwortlich. Verschärft wird dieses Umfeld durch geopolitische Faktoren sowie den Mangel an fiskalpolitischem Spielraum, mit denen die Regierungen entlastend reagieren könnten.
Vor diesem Hintergrund sollten Anleger ihre Portfolios auf Widerstandsfähigkeit prüfen und gegebenenfalls ihre Asset-Allokation anpassen. Dabei gilt es zu verstehen, wie sich die verschiedenen Assetklassen bei höherer Inflation voraussichtlich entwickeln werden. Glücklicherweise gibt es innerhalb der einzelnen Assetklassen Strategien, die Schutz bieten können und weiterhin positive Ergebnisse abwerfen dürften. Zudem gilt: Diversifizierung ist heute wichtiger denn je. Dieser Artikel liefert eine klare Orientierung, indem er Assetklassen beleuchtet, mit denen Anleger unserer Meinung nach ein neues Umfeld mit langfristig höheren Zinsen meistern können.
Die Zentralbanker müssen eine schwierige Gratwanderung zwischen schwächerem Wachstum und stärkerer Inflation absolvieren. Nachdem zu Beginn des Jahres 2026 noch mit Zinssenkungen gerechnet worden war, unterstellen die Finanzmärkte nunmehr drei Zinserhöhungen für den Euroraum und Großbritannien. Für die USA werden unveränderte Zinsen erwartet. Dieses Umfeld spiegelt sich in den jüngsten Entscheidungen wichtiger Zentralbanken, ihre Zinsen vorerst stabil zu halten, während sich die Auswirkungen an den Märkten manifestieren.
Eine geldpolitische Gratwanderung steht nun an. Nachdem die Zentralbanken 2022 für ihr zu zögerliches Handeln kritisiert wurden, könnten sie sich jetzt veranlasst sehen, durch schnelle Reaktion inflationäre Tendenzen frühzeitig einzudämmen. Allerdings erhöht ein zu aggressives Vorgehen das Risiko einer Rezession. Ein wesentlicher Unterschied zwischen der heutigen Situation und dem Jahr 2022 besteht darin, dass die Zinsen derzeit weit höher sind als damals und der fiskalpolitische Spielraum weitgehend ausgeschöpft ist, da die Regierungen mit bereits exorbitanten Schuldenständen zu kämpfen haben.
Außerhalb der USA hat sich die Konjunktur in letzter Zeit relativ schwach gezeigt, insbesondere in Großbritannien und in Kontinentaleuropa. Die Aussicht auf weiterhin geringes Wachstum und anhaltend hohe Energiekosten lässt viele ein Stagflationsszenario erwarten. Infolgedessen sind die Renditen von Staatsanleihen diverser entwickelter Länder auf Mehrjahreshochs geklettert.
Die Folgen des Konflikts im Nahen Osten dürften jedoch in den verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich sein. Die Wachstumssorgen konzentrieren sich vor allem auf Europa. Die USA gelten dank ihrer Energieunabhängigkeit und der Unterstützung ihrer Konjunktur durch den KI-Investitionszyklus als weitgehend geschützt.
Die Inflation dürfte für Anleger kurz- bis mittelfristig der bestimmende Faktor sein, und je länger der Konflikt andauert, desto größer ist das Risiko eines möglichen Konjunkturabschwungs. In den folgenden Abschnitten betrachten wir, wie sich dieses Umfeld auf die wichtigsten Assetklassen auswirken dürfte und welche Schlüsse Anleger daraus ziehen sollten.
Die zentrale Herausforderung für Anleiheninvestoren ist die angebotsgetriebene Inflation. Sie lässt sich nicht ohne Weiteres durch eine straffere Geldpolitik eindämmen, ohne dass das Wachstum leidet. Daraus resultiert ein zunehmend von stagflationären Tendenzen geprägtes Umfeld. Die Zentralbanken reagieren darauf voraussichtlich mit einer für längere Zeit restriktiven Geldpolitik. Für die Anleihemärkte bedeutet dies anhaltenden Aufwärtsdruck auf die Renditen langfristiger Anleihen. Damit verliert die Duration ihre Funktion als verlässliche Absicherung bei schwacher Wirtschaft.
Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Anleihenmärkte nicht mehr nur eine höhere Inflation unterstellen. Auch Skepsis hinsichtlich der Tragfähigkeit der öffentlichen Haushalte und der Glaubwürdigkeit der Politik hat sich inzwischen in den Renditespreads und auf den Zinskurven niedergeschlagen. Die Schwäche ihrer Währungen verschärft die Probleme für energieabhängige Volkswirtschaften zusätzlich. Diese Faktoren erhöhen die Volatilität und legen Schwachstellen in den Bilanzen von Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten offen.
Daraus kann an den Finanzmärkten eine stärkere Differenzierung der Ergebnisse resultieren. So dürften die künftigen Renditen weniger vom Durations-Engagement als von einer sorgfältigen Bewertung des Inflationsrisikos, der fiskalpolitischen Situation und des geopolitischen Exposures abhängen. Für Anleger bedeutet dies die Notwendigkeit, stärker zwischen den Risiken einzelner Kreditnehmer zu unterscheiden.
Im aktuellen Marktumfeld sollten traditionelle Anleihenstrategien angepasst werden. Nominale Anleihen, die früher eine Absicherung gegen Konjunkturabschwünge boten, sind bei einem Inflationsschock anfälliger für Wertrückgänge. Im Gegensatz dazu können inflationsgebundene Anleihen einen besseren Schutz bei sich verschlechternder Relation aus Wachstum und Inflation bieten. Sie sind kein Allheilmittel, können sich aber als wertvolle Form der Absicherung erweisen.
Auf den Märkten für Unternehmensanleihen hatten sich die Spreads unmittelbar nach Beginn des Iran-Konflikts zunächst ausgeweitet; sie sind aber wieder auf historisch niedrige Niveaus zurückgekehrt. Das spiegelt die Widerstandsfähigkeit dieses Markts wider, die anhaltend robuste Anlegernachfrage, den Rückenwind durch eine vorsichtige Geldpolitik und das hohe Angebot aufgrund des KI-Investitionszyklus. Bis auf weiteres bleiben Unternehmensanleihen eine wichtige Quelle verlässlicher Erträge für Anleger und sollten unserer Ansicht nach ein Kernbestandteil der Anleihe-Allokation eines Portfolios bleiben.
Für die Schwellenländer hat der weltweite Trend zu höheren Zinsen gemischte Auswirkungen. Nach Jahren zunehmender Haushaltsdisziplin machen sich auch dort steigende Energiekosten bemerkbar. Das gilt vor allem für energieimportierende Länder in Teilen Asiens. In diesem Umfeld können selbst moderate externe Schocks für Kapitalabflüsse internationaler Investoren sorgen und den Marktzugang versperren.
Insgesamt halten wir am Anleihenmarkt eine defensive Positionierung mit ausreichender Flexibilität zur Nutzung sich bietender Chancen für den Schlüssel, um ein zunehmend schwieriges Umfeld zu bewältigen. In einem von Unsicherheit geprägten Umfeld dürfte nicht zuletzt die Liquidität eine wichtige Rolle spielen. Ein aktiver Ansatz ermöglicht es Anlegern, stärker zugunsten von Qualität umzuschichten, Bewertungspotenziale zu identifizieren und das Risiko im Fall sich ausweitender Spreads zu reduzieren.
Die Erfahrungen der Vergangenheit und die derzeitigen Fundamentaldaten sprechen dafür, dass Aktien in einem Umfeld höherer Inflation gut abschneiden können. Voraussetzung ist, dass Anleger sich auf die richtigen Regionen, Anlagestile und Risikoexposures konzentrieren. Mögliche Profiteure einer neuerlichen Fokussierung auf Realwerte, Preissetzungsmacht und geringe Zinssensitivität sind unseres Erachtens Aktienstrategien mit Fokus auf Asien und Schwellenländer, Infrastruktur, Value und Dividenden.
Da Aktien Besitzansprüche auf Sachwerte und ein Engagement in realer Wirtschaftstätigkeit darstellen, können auch die Unternehmensumsätze und Cashflows nominal steigen, wenn die Preise steigen. Das hat einen gewissen inflationsbedingten Wertzuwachs zur Folge. Historisch gesehen gingen Phasen moderater Inflation oft mit soliden Aktienrenditen einher. Das galt insbesondere für Unternehmen, die imstande sind, die Preise für ihre Waren und Dienstleistungen anzuheben, die Kosten zu kontrollieren und zu höheren nominalen Renditen zu reinvestieren. Zwar kann Inflation die Aktienbewertungen mittels höherer Diskontierungssätze für die künftigen Cashflows auch belasten. Jedoch spielen die steigenden Umsätze eine mindestens ebenso große Rolle, vor allem wenn die Inflation mit nominalem Wachstum statt mit gesamtwirtschaftlicher Instabilität einhergeht.
Infrastrukturaktien gelten traditionell als Sachwerte und können in einem inflationären Umfeld eine wichtige Rolle spielen. Denn sie vereinen Sachkapital, unverzichtbare Dienstleistungen und meist inflationsgebundene Umsätze – und bieten zugleich ähnliche Liquiditäts- und Governance-Merkmale wie börsennotierte Aktien. Viele Infrastrukturanbieter profitieren von Preismodellen, die ausdrücklich an die Inflation gekoppelt sind. Andere wiederum verfügen über Monopolstellungen und hohe Markteintrittsbarrieren, die über die Zeit eine Abwälzung höherer Kosten ermöglichen. Nach einer Ära unzureichender Investitionen und angesichts steigender Staatsausgaben sowie Anforderungen der Energiewende bieten Infrastrukturaktien ein Engagement in strukturellen Investitionszyklen mit eingebautem Inflationsschutz.
Ein Merkmal inflationärer Phasen ist die Neubewertung der Duration von Assets. Bei Aktien führt dies zu einer klaren Unterscheidung zwischen Wachstumsmodellen, die auf langfristigen Erwartungen beruhen, und Unternehmen, die bereits heute Cashflows erzielen.
Value-Aktien zeichnen sich durch kurzfristigere Cashflows, eine Absicherung durch Sachwerte und niedrigere Bewertungen aus. Damit weisen sie tendenziell eine kürzere Duration auf als Wachstumsaktien. Infolgedessen können sie widerstandsfähiger gegenüber steigenden Realzinsen und Inflationsschwankungen sein. Wichtig ist, dass sich Value-Titel häufig in Sektoren wie Finanz, Energie, Industrie und Rohstoffen finden, die alle von der inflationären Dynamik und den aktuellen Investitionszyklen profitieren dürften.
Asien und die Schwellenländer (Emerging Markets) werden häufig als anfälliger für Inflation wahrgenommen. Doch diese Einschätzung übersieht Faktoren wie die verbesserte Glaubwürdigkeit der Geldpolitik in den Schwellenländern, ein höheres nominales BIP-Wachstum und die starke Verflechtung der Emerging Markets mit Lieferketten für Sachwerte. Aktien aus Asien und den Schwellenländern notieren zudem weiterhin mit Bewertungsabschlägen gegenüber Börsentiteln aus entwickelten Staaten. Daraus ergibt sich eine potenzielle Sicherheitsmarge gegenüber plötzlichen Verschiebungen der Marktdynamik.
In einem inflationären Umfeld bieten Dividendenstrategien die Möglichkeit, reale Renditen zu erzielen und gleichzeitig vom nominalen Wachstum zu profitieren. Die Dividenden können parallel zu den Gewinnen und der Inflation steigen und auf diese Weise für Ertragsströme sorgen, welche die Kaufkraft über die Zeit erhalten.
Strategien mit Fokus auf Dividendenaktien konzentrieren sich in der Regel auf Sektoren wie Finanzen, Versorger, Infrastruktur und Energie, die in wachstumsorientierten Benchmarks oft unterrepräsentiert sind. Dadurch können sie sowohl laufende Renditen abwerfen als auch zur Stabilisierung des Portfolios beitragen.
In einem Umfeld, in dem die Zinsen länger auf hohem Niveau bleiben, verfügen an privaten Märkten gehandelte Assets in der Regel über einen gemischten, aber tendenziell positiven Ausblick. Private Credit-Anlagen mit variabler Verzinsung sind weiterhin attraktiv, da sie einen gewissen Schutz vor Inflation bieten. Allerdings besteht in einem Szenario für längere Zeit höherer Zinsen ein deutlicher Unterschied zwischen den Nominalrenditen und den nachhaltig erzielbaren Erträgen. Der europäische Private Credit-Markt ist im Vergleich zu den USA weniger auf fremdfinanziertes Wachstum ausgerichtet und ist tendenziell stärker von disziplinierten und vorrangigen Krediten geprägt. In einem Umfeld mit langsamerem Wachstum, geringerem fiskalpolitischem Spielraum und einer vorsichtigeren Geldpolitik sollte Qualität favorisiert werden. Europäische Private Credit-Anlagen mit strengerer Vergabedisziplin und strikteren Kreditklauseln wären unserer Ansicht nach die umsichtigere Wahl für Anleger.
Innerhalb des Private Credit-Markts dürfte das Refinanzierungsrisiko eine zentrale Rolle spielen, allerdings sollten die Auswirkungen unterschiedlich sein. In Europa war der Verschuldungsgrad historisch gesehen niedriger als in den USA. Europa verfügt zudem im Vergleich zu den USA über weniger fiskalpolitische Flexibilität und weniger tiefe Finanzmärkte. Angesichts weniger großzügiger Kapitalmärkte und verzögerter Zinssenkungen besteht das Risiko daher weniger in einer unmittelbaren Notlage als vielmehr in der Duration. Dies begünstigt vorrangige und selektiv strukturierte Direktkredite. In diesem Umfeld bieten auch asset-basierte Finanzinstrumente Chancen. Insbesondere ABS können von variabel verzinslichen Kupons und strukturellen Sicherheiten profitieren. Durch Konzentration auf vorrangige Tranchen lässt sich ihre Widerstandsfähigkeit weiter stärken.
Wenn höhere Energiekosten die Inflation anheizen und Zinssenkungen verzögern oder gar zu Zinserhöhungen führen, könnte sich für Immobilien ein gedämpfter kurzfristiger Ausblick ergeben. Denn höhere Finanzierungskosten dürften die Investitionstätigkeit im Immobilienbereich dämpfen und die Wertsteigerungen begrenzen. Dadurch verschiebt sich das Renditeverhältnis weg vom Kapitalwachstum hin zu den laufenden Erträgen. In diesem Zusammenhang dürften Anlagen in Marktsegmenten mit knappem Angebot, wo die Mieten weiter steigen können, widerstandsfähiger sein. Letztlich dürfte der Markt von einer vorsichtigen Stimmung, aber stabilen Erträgen geprägt sein. Dabei sollte ein künftig knapperes Angebot an neuen Wohnungen das Mietwachstum mittelfristig stützen.
Höhere Finanzierungskosten und niedrigere Bewertungen können für die Anlageklassen Private Equity und Infrastructure Equity eine Herausforderung darstellen. In der Praxis hängen die Auswirkungen jedoch von der Zusammensetzung und Widerstandsfähigkeit der Portfolios ab. Private Equity-Portfolios, die mit geringem oder gar keinem Fremdkapitalaufwand aufgebaut wurden, sollten bis zu einem gewissen Grad vor steigenden Finanzierungskosten geschützt sein. Strategien, deren Fokus eher auf Wertschöpfung als auf Finanzkonstruktionen liegt, dürften ebenfalls weniger von steigenden Zinsen betroffen sein.
Private Equity-Fonds mit Beteiligungen an Unternehmen, die innovative Technologien für kostengünstigere Produkte entwickeln, dürften von höheren Zinsen nur minimal betroffen sein. Damit stünden sie in starkem Gegensatz zu etablierten Unternehmen, die in der Regel eine höhere Zinssensitivität aufweisen. Investments in Infrastruktur und realen Assets sollten von ihren inflationsgebundenen Erträgen profitieren – sie bieten damit eine natürliche Absicherung gegen steigende Preise. Selbst in einem unsicheren Zinsumfeld kann diese Eigenschaft die Renditen stabilisieren.
In einem Umfeld mit strukturell höherer Inflation sollten Anleger ihre Asset-Allokation überprüfen. Zwar können nicht alle Assets an Wert gewinnen, aber es gibt bewährte Anlageoptionen, die dies aller Voraussicht nach tun werden. So sollten inflationsgebundene Anleihen, welche die reale Rendite sichern, attraktiver sein als nominale Anleihen, deren Wert durch die Inflation beeinträchtigt wird. Im Private Credit-Segment wird der reale Wert der Ertragsströme typischerweise geschützt, da bei steigenden Zinsen infolge höherer Inflation die variable Verzinsung angepasst wird. Und im Aktienbereich weist insbesondere der Infrastruktursektor attraktive Merkmale auf. Oft handelt es sich dort um Anbieter essenzieller Dienstleistungen mit inflationsgebundenen Preisen.
Anleger müssen dem Geschehen also nicht tatenlos zuschauen. Wenn sie zu einer zielgerichteten Diversifizierung bereit sind und die dazu verfügbaren Anlagestrategien kennen, können sie ihre Portfolios neu ausrichten und sich rasch an das neue Umfeld anpassen, das für längere Zeit höhere Zinsen bieten könnte.
Die in diesem Dokument zum Ausdruck gebrachten Ansichten sollten nicht als Empfehlung, Beratung oder Prognose noch als Empfehlung zum Kauf oder Verkauf eines bestimmten Wertpapiers aufgefasst werden.
Der Wert eines Investments kann sowohl fallen als auch steigen. Dies führt dazu, dass Preise steigen und fallen können, und Sie bekommen möglicherweise weniger zurück, als Sie ursprünglich investiert haben. Die frühere Wertentwicklung stellt keinen Hinweis auf die künftige Wertentwicklung dar.